Berlin: S-Bahn will bei Verspätungen Halte auslassen

Pilotprojekt gegen Störungen bei der S-Bahn Berlin startet ab August

Eine S42 (Ringbahn gegen Uhrzeigersinn) | Bild: Lucian Berndt
Eine S42 (Ringbahn gegen Uhrzeigersinn) | Bild: Lucian Berndt

Fahrgäste der S-Bahn Berlin müssen sich ab August auf eine neue Methode der Pünktlichkeitsoffensive einstellen. Ab Ende Juli möchte die Deutsche Bahn, welcher die S-Bahn Berlin gehört, Züge an bestimmten Bahnhöfen durchfahren lassen, sollten sie eine bestimmte Verspätung haben. Somit soll die Verspätung abgebaut werden und der Gesamtfahrplan dadurch stabilisiert werden.


Einen entsprechenden Pilotversuch ab Ende Juli bestätigte Peter Buchner Ende, Chef der S-Bahn Berlin

Dieses Verfahren ist Teil der "Qualitätsoffensive S-Bahn plus", welche die Deutsche Bahn am kommenden Mittwoch vorstellen will.

Auf Fahrgäste kommt nun zusätzlich zu den bekannten Faktoren wie Zugausfälle und Verspätungen ein eventueller Umsteig, da die Bahn nicht an der Station halten wird.



Grafik: S-Bahn Berlin
Grafik: S-Bahn Berlin

Fragen der Berliner Morgenpost zu diesem Thema:



Wie kommt die S-Bahn eigentlich auf diese Idee?


Bereits seit Jahren hat die S-Bahn teils erhebliche Probleme, die den Ländern Berlin und Brandenburg vertraglich zugesicherte Pünktlichkeit von 96 Prozent einzuhalten. Im Jahr 2016 wurde das selbst gesteckte Qualitätsziel noch in fünf Monaten erreicht oder gar überboten. Im Vorjahr waren es mit Februar und April lediglich zwei Monate. Insgesamt verschlechterte sich die Quote von 95,5 auf 94,7 Prozent. Berücksichtigt werden muss dabei, dass eine S-Bahn-Fahrt erst mit Abweichungen von vier Minuten und mehr als verspätet gewertet wird. Bei Verspätungen drohen dem Unternehmen Strafabzüge des Senats in Millionenhöhe.



Was genau plant die S-Bahn?


Seit Februar arbeiten Experten aus allen Bereichen der Bahn an Ideen, wie Berlins S-Bahn wieder zuverlässiger und pünktlicher wird. 180 Einzelmaßnahmen sollen in einem Konzept stehen, das nächste Woche unter dem Motto „S-Bahn – da kannste nicht meckern“ von Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) vorgestellt werden soll. Eine Idee: „Weniger Stopps bei Verspätungen“. Vorbild ist dafür die S-Bahn München, die dieses laut Buchner bereits seit etwa zwei Jahren auf ihren Außenstrecken praktiziere.



Warum die Ringbahn?


Die Ringbahn gilt im Berliner S-Bahn-Netz als besonders störanfällig. Was vor allem daran liegt, dass die Züge der Ringbahnlinien S41 und S42 ohne Endstation im Kreis fahren (die S41 im Uhrzeigersinn, die S42 entgegengesetzt). Kalkuliert ist für eine Runde genau eine Stunde, was fahrplantechnisch sinnvoll, in der Realität oft aber nicht einzuhalten ist. Bereits kleine Störungen (etwa ein Zugschaden oder ein Notarzteinsatz) reichen aus, den Zugverkehr den gesamten Tag über aus dem Takt zu bringen. Die Überlegung: Fährt ein Zug an einigen der 27 Ringbahn-Stationen ohne Halt durch, kann er verloren gegangene Zeit wieder aufholen. Erprobt werden soll das zunächst auf der südwestlichen Ringbahn. Welche Stationen ohne Halt passiert werden dürfen, ist noch nicht ganz klar. Möglich sei dies bei Halensee und Hohenzollerndamm, weil dort vergleichsweise wenige Fahrgäste ein- und aussteigen. Auch vom Heidelberger Platz ist die Rede, obwohl es dort zahlreiche Umsteiger auf die U-Bahn gibt.



Was bedeutet das für die Fahrgäste?


Die Fahrgäste sollen per Durchsage im Zug darüber informiert werden, wo die S-Bahn durchfährt. Für Betroffene heißt das: vorher aussteigen und auf die nächste Bahn warten. Wer das nicht rechtzeitig mitbekommt, muss beim nächsten Stopp aussteigen und zum geplanten Ziel zurückfahren. Wer auf den betroffenen S-Bahnhöfen steht, muss auf die nächste Bahn warten.



Wie macht das eigentlich die BVG?


Auch die BVG kämpft mit Verspätungsproblemen, vor allem im Busverkehr. Speziell bei der berühmt-berüchtigten Rudelbildung, bei der zwei oder mehr Busse einer Linie dicht hintereinander fahren, könne es vorkommen, dass ein Bus auch mal an einer Haltestelle durchfährt, weil der nächste, deutlich leerere Bus kurz darauf folgt, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz. Der Unterschied zum S-Bahn-Konzept: Wer im Bus sitzt, kann seinen Aussteigewunsch dem Fahrer per Knopfdruck signalisieren. „Dann wird auch angehalten“, so Reetz. Bei der U-Bahn könne es passieren, dass bei Fahrplanproblemen etwa eine U2 nicht bis zur Endstation Ruhleben fährt, sondern schon Olympia-Stadion oder Ernst-Reuter-Platz „kehrt“, also wieder zurück in Richtung Pankow fährt. „Das ist aber in der Zugzielanzeige für alle zu sehen“, so Reetz. Auch in Notfällen, wenn etwa durch einen Brand auf dem Straßenland giftige Gase in eine U-Bahnstation ziehen, werde aus Sicherheitsgründen durchgefahren. Dies sei aber eine Ausnahme, so Reetz.



Was sagt der Fahrgastverband?


Der Berliner Fahrgastverband Igeb kann dem von der S-Bahn angekündigten Pilotversuch nicht viel abgewinnen. „Die Idee ist angesichts der vielen Verspätungen auf der Ringbahn zwar nachvollziehbar, aber keinesfalls fahrgastfreundlich“, sagte Igeb-Sprecher Jens Wieseke der Berliner Morgenpost. Das eigentliche Problem für die S-Bahn-Pünktlichkeit sei die schlechte Infrastruktur, gerade auch für die Ringbahn. „Wir fordern zum Beispiel seit mehr als 20 Jahren eine dritte Bahnsteigkante am Bahnhof Westend, damit verspätete Züge dort aus dem Verkehr genommen werden können“, sagte Wieseke. Der Fahrgastvertreter fordert den Berliner Senat auf, den Eigentümer des Schienennetzes, die Deutsche Bahn, endlich zum Handeln zu zwingen.




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Kommentar der Berliner Morgenpost zu diesem Thema

》Quellen:

          Bild: Lucian Berndt

          Grafik: S-Bahn Berlin

          Text: Lucian Berndt

          Info: Berliner Morgenpost 


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